{"id":261,"date":"2025-07-03T09:23:03","date_gmt":"2025-07-03T09:23:03","guid":{"rendered":"http:\/\/localhost:7000\/?page_id=24"},"modified":"2025-12-02T15:36:28","modified_gmt":"2025-12-02T15:36:28","slug":"mobilisierung-1914","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/customer-rfg.com\/grosspold\/ortsinfos\/mobilisierung-1914\/","title":{"rendered":"Mobilisierung 1914"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Grosspold den 2.August Jahr 1914. Die Mobilisierung auf dem Lande aus einer Gemeinde im Unterwald: Grosspold<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gewitterschw\u00fcl lastet es auf den Gem\u00fctern:<br>Wird\u2019s kommen oder nicht? Ger\u00fcchte schwirren durch die Luft. Wir kommen vom Bahnhof, wo wir Neues zu erfahren hofften. Es musste etwas im anzug sein. Der Postmeister und Not\u00e4r hatten Nachtdienst beim Telefon. Mit bangen Gedanken legten wir uns zur Ruh. &#8211;Ein Poltern und Schlagen an meiner Zimmert\u00fcr weckte mich. Ich mache Licht und \u00f6ffne. Der Not\u00e4r ist\u2019s. \u201eAllgemeine Mobilisierung!\u201c sagt er ernst und breitet auf dem Tische die Mobilisierungskundmachung aus. Aufmerksam lesen wir sie durch, erst die weisse, dann die rote. Wie sollen wir\u2019s am besten machen? Es ist \u00bd 2 Uhr. Da etliche schon am Nachmittag desselben Tages einr\u00fccken m\u00fcssen, besprechen wir schon morgens 8 Uhr einen Gottesdienst mit Abendmahl abzuhalten. Die Einladung dazu soll mit der Verk\u00fcndigung der Mobilmachung zugleich erfolgen. Der Not\u00e4r geht die n\u00f6tigen Ma\u00dfnahmen zu treffen.<br>Also Krieg! Mit seinem Weh und Jammer steigt er drohend empor. Ich trete ans Fenster und sehe in die d\u00fcstere regnerische Nacht hinaus.-<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Still und friedlich liegt die Gemeinde da, noch nicht ahnend da\u00df ihr ein schreckliches Erwachen beschieden ist. Ich sehe \u00fcber die mattgl\u00e4nzenden nassen D\u00e4cher, sind\u2019s Tr\u00e4nen die der Himmel weint \u00fcber das k\u00fcnftige Weh? H\u00f6r ich\u2019s doch schluchzen! Meine Frau weint bitterlich. Auch ich kann mich nicht mehr beherschen hei\u00df steigt es mir am Herzen herauf, und die Augen werden nass. Ich lehne den Kopf an die Fensterscheiben, mir ist so bange und da ringsum im Dorfe da schlafen sie noch still und friedlich, mancher die letzte Stunde unter dem Dach seines Heims und tr\u00e4umt von zuk\u00fcnftigen Pl\u00e4nen, hoffnungsfroh und gl\u00fccklich.-<br>Mich leidet\u2019s nicht mehr in der Stube. Ich muss zu Menschen! Noch h\u00e4ngt\u2019s am Himmel grau und tr\u00fcb und ein feiner Spr\u00fchregen durchdringt alles.-<br>Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter! Ich komme zur Wachstube. Da sind die Not\u00e4re, die Richter und der Vizerichter, die Polizeigeschworenen, die Nachtw\u00e4chter und der Amtsdiener versammelt, schon bereit die Mobilmachung kundzumachen. \u201eWarten wir noch eine halbe Stunde!\u201c Es ist noch dunkel und man kann doch nichts machen! \u201eLassen wir sie noch ein paar Augenblicke schlafen\u201c sage ich. \u201eLassen wir sie\u201c entgegnet der Richter weich \u201esie werden jetzt viele N\u00e4chte nicht mehr ruhig schlafen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alles ist bereit. Die Not\u00e4re haben die Kundmachung unter dem Arm, ein Geschworener einen Hammer und N\u00e4gel bei der Hand, der andere kleine Papiervierecke damit die N\u00e4gel nicht ausrei\u00dfen. Der Amtsdiener testert an seiner Trommel herum. Noch einmal bringen sie sich die im Mobilisierungsakt bestimmten Orte wo die Kundmachung befestigt werden soll in Erinnerung. Die Stimmung ist ernst.&#8211; Es beginnt zu tagen.- \u201eAlso gehen wir!\u201c- Wir gehen still vor die Gemeindekanzlei. Da werden die ersten Kundmachungen angeschlagen. \u201eTrommelt jetzt! Es ist uns allen bewu\u00dft welch einen entscheidungsreichen Augenblick wir durchleben. Herr hilf!\u201c Der Amtsdiener geht bis auf die Mitte der Stra\u00dfe. Er beginnt zu schlagen. Einen Augenblick lang halten wir den Atem an. Wie dumpf es klingt: Turrum &#8211; turrum .turrum. Vom Regen nass hat das Trommelfell einen tiefen, ersch\u00fctternen, klagenden Ton bekommen.- Hier, dort, \u00f6ffnen sich die Laden, da eilt ein Mann eine Frau ins Gassentor.&#8211; Es mu\u00df was besonderes sein dass man so fr\u00fch trommelt. \u201eAllgemin Mobilisierung \u00e4s ugesut! D\u00e4 de b\u00e4 der Linie, uch d\u00e4 de b\u00e4 der Honvet sein, messen an 24 Stangden, d\u00e4 de b\u00e4 dem Landsturm sen (uch) und noch net 42 Johr sen, an 48 Stangden ar\u00e4cken. Hekt morjen \u00e4m 8 wird Kirch m\u00e4t Ovendmohl uefgeholden!\u201c<br>\u201eAllgemeine Mobilisierung!\u201c-<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Also Krieg! mit ehernem Tritt schreitet das Schicksal daher; es hat sich an die kleine Schar geheftet die von Ecke zu Ecke von Gasse zu Gasse geht um ihre ernste Pflicht zu erf\u00fcllen. Schon sind sie l\u00e4ngst in der Nachbargasse, wieder klingt das ersch\u00fctternde: Trum- turrum- turrum.- Die Trommel ruft zum Streite! Alles ist f\u00fcr den Augenblick wie gel\u00e4hmt. Aus dem friedlichen Schlaf ein so bitteres Erwachen. Die Frauen laufen zueinander, Nachbarin mit Nachbarin weint, die M\u00e4nner sind ernst und still. In manchem Auge zittert eine Tr\u00e4ne. Ich gehe durch die Gasse , da stehen drei-vier bei einander. M\u00fcsst Ihr alle einr\u00fccken? Ja noch heute! Auch Ihr Nachbar? Ja ich bin noch nicht 42. Dr\u00fcben hat sich ein H\u00e4ufchen bebildet. \u201eGr\u00fcss Gott! Trifft\u2019s auch Euch? Ja ja Herr Pfarrer. Wie Gott will. Nun kann man schon den Text der Kundmachung lesen, es ist hell genug. Die Milit\u00e4rpflichtigen stehen davor und lesen oder bl\u00e4ttern in ihrem Milit\u00e4rpass. Noch ist keine Stunde vergangen , da ist auf dem Gemeindeamt ein gehen und kommen, ein Fragen und Antwort geben. Sachsen, Rom\u00e4nen, Zigeuner kommen mit ihrem Milit\u00e4rpapier. \u201eWann mu\u00df ich einr\u00fccken?\u201c fragt der eine. Wie fahr ich am besten zu meinem Dienstort? der andere. Geh\u00f6re ich nach Hermannstadt oder nach Maroschwasarhelj? so geht es in einem fort. &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jedem wird Aufschlu\u00df gegeben. Es macht einen guten Eindruck mit welcher Selbstverst\u00e4ndlichkeit ein jeder der Einberufung folgt. Kein Hasten und Rennen, ruhig und ernst wie es M\u00e4nnern zu solcher Zeit ziemt. Unterdessen sind die Frauen und M\u00e4dchen auf der Gasse t\u00e4tig geworden. Erst war\u2019s eine, dann noch eine, jetzt sind sie in allen Gassen draussen und kehren die Gassen, es ist ja in 2 Stunden Gottesdienst! Da darf doch die Gasse nicht ungekehrt bleiben. \u201eUnd f\u00fchret zum Guten den Glanz und den Schimmer und ruhet nimmer.&#8212; Zwei junge Lehrer sind flei\u00dfig \u00fcber dem Hecktographen. Sie machen Abz\u00fcge von dem: \u201eGott erhalte.\u201c Ein Adjuvant aber geht seine Kollegen verst\u00e4ndigen dass sie zur Kirche die Instrumente mitbringen, es soll auch geblasen werden!&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist 8 Uhr morgens! Die Glocke ruft \u00fcber die Gemeinde: \u201ekommet her zu mir alle die ihr m\u00fchselig und beladen seid, ich will euch erquicken!\u201c Und sie kommen Mann und Weib, Eltern mit ihren S\u00f6hnen, die Schwestern mit dem Bruder. Die schwarzen Beh\u00e4nge und die brennenden Lichter am Altar passen so gut zu dem d\u00fcsteren Morgen, noch mehr zu der Stimmung der Herzen. Die Kirche ist bis auf das letzte Pl\u00e4tzchen gef\u00fcllt. Da f\u00e4llt die Orgel ein, ihre T\u00f6ne leiten den Choral ein: \u201eEs zieht o Gott ein Kriegswetter jetzt \u00fcber unserm Haupt einher.\u201c Das war ein Gesang! zu Zeiten mehr ein Schluchzen! Nun betritt er Pfarrer die Kanzel. \u201eAus tiefer Not schrei ich zu Dir! Lass uns nicht zuschanden werden!\u201c Und nun beginnt er zu sprechen, oftmals \u00fcbermannt von der Gr\u00f6sse des Augenblicks, und spricht von dem was diese Morgenstunde uns so recht als teuerste G\u00fcter ans Licht stellt! Von Familie, Vaterland, Gott! und das es uns auch in diesem Augenblick gelte: \u201eF\u00fcrchte dich nicht, ich bin bei dir, weiche nicht denn ich bin dein Gott, ich st\u00e4rke dich ,ich helfe dir auch, ich erhalte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit! (Jesaia 41\/10) Damit es aber heissen k\u00f6nne: \u201eF\u00fcrchte dich nicht, muss herzliche Liebe zueinander und Vers\u00f6hnung mit Gott gemacht werden . Wir dem\u00fctigen uns vor Gott! Die ganze Gemeinde liegt auf den Knien!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">O, so tief und ernst ist vielleicht noch nie gebetet worden: Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern! Zum Abendmahl versammeln sich die M\u00e4nner und Burschen im Chor, fast kann sie der Raum nicht fassen! Ich sehe vor mir die Bl\u00fcte der Gemeinde: kr\u00e4ftige Gestalten mit sehnigen Armen und hellen Augen und arbeitsgewohnten Muskeln. Auf manch einem liegt die ganze Last einer Bauernwirtschaft! Was wird werden wenn er nimmer kommt?&#8211;<br>Dort r\u00fcckw\u00e4rts in der Menge der Frauen wischt eine Mutter mit ihrem blauen Taschentuch \u00fcber die Augen, als ihr Einziger vor den Altar hintritt.&#8212;<br>Nun kommen die Frauen an die Reihe h\u00fcbsch nach dem Alter, alte geb\u00fcckte M\u00fctterchen, kinderreiche Hausm\u00fctter und zuletzt die jungen Frauen die nur vor wenigen Monaten das junge Ehegl\u00fcck begr\u00fcndet. Wie ich sie bedaure, denn Scheiden und meiden tut ach so weh.&#8211; Nun betet die Gemeinde das Kriegsgebet. Vom eigenen Jammer und Schmerz steigt die Seele empor zur Bitte f\u00fcr Grosses, f\u00fcr Volk K\u00f6nig und Vaterland! Und als das Amen des Pfarrers verhallt ist, da setzt der Adjuvantenchor ein mit schmetternden Trompeten: Gott erhalte, Gott besch\u00fctze unsern K\u00f6nig unser Land. Aus voller Brust singt die Gemeinde mit. Die Hymne wirkt wie ein Stahlbad. Von Strophe zu Strophe w\u00e4chst die Zuversicht. Die Haltung wird straffer, das Auge gl\u00e4nzender, der Mut unverzagter und das R\u00fcckrad an dem die Kl\u00e4nge wie ein elektrischer Strom auf und ab rieseln, wird steifer. Und als es zuletzt mit vor Erregung bebenden Lippen erklingt: Heil dem K\u00f6nig! Heil dem Lande! dieses Reich wird ewig stehn! da hat die Gemeinde ihre Fassung wieder.&#8211;<br>Und nun hinaus: Mit Gott f\u00fcr K\u00f6nig und Vaterland!-<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist kurz nach Mittag. Hell schmettern Trompetensignale durch die Gassen! Sie rufen die Veteraner und die Jugendwehr. Vor dem Gemeindesaal sammeln sich die Scharen. Alte und Junge,Frauen und M\u00e4dchen,Kinder stehen in Gruppen: Antreten! Richtung nehmen! &#8211;Habt acht! Rechts schaut! die Musikkapelle spielt das \u201eGott erhalte\u201c. Die entrollte Veteranenvereinsfahne wird herbei getragen! Es ist niemand, der sich der Weihe des Augenblicks entziehen kann. Auch siebzigj\u00e4hrige verh\u00e4rtete Herzen sind weich wie Wachs. Der Vorstand des Veteranervereins h\u00e4lt eine kurze, markige, herzergreifende Ansprache an die Kameraden! Sie endet mit einem Heil auf seine Majest\u00e4t! Doppelreihen rechts um! Marschieren marsch! Der Zug setzt sich unter den hellen Kl\u00e4ngen des Marsches: \u201eIch hat einen Kameraden\u201c in Bewegung. Der Pfarrer, Prediger und Not\u00e4r haben sich der Fahne angeschlossen und marschieren mit. Vor dem Zug, neben und hinter ihm die Gemeinde. Frauen und M\u00e4dchen halbw\u00fcchsige Buben mit schwerem Zwerksack bepackt. Es darf sich keiner der Einr\u00fcckenden sein Eingesacktes selber tragen. Noch einmal will man ihm den letzten Liebesdienst tun.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So gehts zum Bahnhof. Da ist noch ein letztes sich besprechen, ein H\u00e4ndesch\u00fctteln und Abschied nehmen, verschieden nach Temperament und Alter. Die einen stehen still beieinander und sehen mit Tr\u00e4nenschwerem Auge in die Welt, andere halten sich innig umschlungen, wieder andere suchen die innere Bewegung zu verbergen. Manche sind \u00fcberw\u00e4ltigt von des Tages Erregung! Wer will`s ihnen verdenken? Ein jeder reicht dem Pfarrer die Hand! \u201eAuf Wiedersehn\u201c. Endlich kommt der Zug. Noch ein letztes Aufzucken des Schmerzes, ein Schluchzen und T\u00fccherschwenken, Gott mit Euch!&#8211;<br>Heimw\u00e4rts flutet die Menge mit verweinten Augen!&#8211;<br>Den n\u00e4chsten Tag ein \u00e4hnliches Bild, Morgens um 7 Uhr Gottesdienst. Der Organist spielt den letzten Choral, dann steigt er von der Orgelbank, auch er muss jetzt einr\u00fccken.<br>Heute sind es die Familienv\u00e4ter die ausziehn. Noch einmal blasen die Adjuvanten. Auf dem Bahnhof \u00fcbergeben sie ihre Instrumente ihren Buben.<br>Weiss Gott wann sie sie wiedersehen. Vieleicht!&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Grosspold den 2.August Jahr 1914. Die Mobilisierung auf dem Lande aus einer Gemeinde im Unterwald: Grosspold Gewitterschw\u00fcl lastet es auf den Gem\u00fctern:Wird\u2019s kommen oder nicht? Ger\u00fcchte schwirren durch die Luft. Wir kommen vom Bahnhof, wo wir Neues zu erfahren hofften. Es musste etwas im anzug sein. 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